Vom multikulturellen Leben im Dreirosen: «Marcos, Panama ist im Haus»

Vor zwölf Jahren haben wir das grosse JuAr Basel-Zentrum im Brückenkopf zu Dreirosen eröffnet. Seither hat sich das Leben in der Anlage massiv entwickelt. Sie ist ein recht wildes urbanes Biotop geworden. Mit allen Begleiterscheinungen, die so etwas mit sich bringt. Die Teams der Angebote von JuAr Basel, die hier wirken, müssen die Stimmung in der Anlage mitsteuern, weil sie einen direkten Einfluss auf ihre Arbeit hat. Dies tun sie nach Kräften, auch wenn es manchmal alles andere als einfach ist. Allen voran Marc Moresi, Leiter der Freizeithalle Dreirosen

Ein Sonntag im Juni

 

Ein Sonntag im Juni. Heute ist Weltmeisterschaftstag. Die JuAr-Basel-Leute vom Dreirosen machen einen Public Viewing-Anlass, mit einer Gruppe aus Panama zusammen, die Verbindungen zum Haus hat. Schon gegen Mittag ist einiges los. Team-Mitglieder der Freizeithalle, des Jugendzentrums und des RiiBistro treffen nach und nach ein, um den Boden für den Kooperations-Event zu bereiten. Marcos und Toni gehen hinten in der Freizeithalle gerade die organisatorischen Details durch, bei bester Stimmung.

 

Plötzlich steht Marc Moresi auf der Treppe und ruft fröhlich: «Marcos, Panama ist im Haus». Dann geht er hurtig zur Bar des Riibistro, parliert in akzentfreiem Spanisch mit den Damen und Herren aus Panama, die heute hier ihre Spezialitäten kochen werden. Letzten Sonntag war eine Gruppe aus Brasilien hier.

 

Er hat einen grossen Rollkoffer dabei

 

Diese hat sich heute bei den öffentlichen Tischen und Bänken, die vor dem Brückenkopf am Boden fixiert sind, eingefunden, die seit einiger Zeit auch vom JuAr Basel-Team gehütet werden, weil es nicht anders geht, um einen Kindergeburtstag zu feiern. Auch mit ihnen spricht Moresi ein paar Takte. Um dann einen kurzen Blick auf den jungen Migranten zu werfen, der auf einem anderen der Bänke sitzt. Er hat einen grossen Rollkoffer dabei und einen Rucksack, trägt eine dicke Winterjacke, obwohl er in der prallen Sonne sitzt. Er wartet. Geduldig. Wir wissen nicht, auf was.

 

Moresi: «Interessant. Er sieht aus, als würde er aus dem arabischen Raum stammen. Aber er wurde vorher von einem jungen Mann hergebracht, der aus der Karibik stammt. Also macht er mir im Moment keine Sorgen.» Der junge Mann aus der Karibik sei nämlich einer von jenen, die gute Verbindungen zu vielen Szenen in der Anlage haben, und mit dem man sehr gut reden könne. Auch wenn es um Dinge gehe, die den Frieden hier gefährden können. Moresi, seine Kolleginnen und Kollegen kennen alle hier. Und weil sie ein multikulturelles Team sind, sprechen sie auch viele Sprachen. Allen voran Moresi, der ein erstaunliches Sprach- und Kommunikationstalent ist. Bei ihm laufen hier viele Fäden zusammen.

 

Nutzung permanent verstärkt

 

Marc Moresi erzählt: «Seit 12 Jahren sind wir hier. In dieser Zeit hat sich die Nutzung der Anlage permanent verstärkt. Als die Rheinpermen hier vor einiger Zeit ausgebaut wurden, neue Zugänge zum Fluss geschaffen wurden, ist die Nutzung regelrecht explodiert. Wir stecken mitten drin. Wir sind davon abhängig, dass hier eine Stimmung herrscht, in der man leben kann. Wir können keine Vorschriften machen, aber wir können mit den Leuten reden, können Rücksicht einfordern. Wir werden hier nie ein Paradies haben, aber wenn alle Nutzergruppen nur kleine Schritte aufeinander zugehen, dann ist das schon viel. Wenn hier mal etwas Schlimmes passiert, das den Weg an die Öffentlichkeit findet, gibt es für kurze Zeit ein grosses Hallo. Nur, das Potenzial für solche Vorfälle, für Auseinandersetzungen, Streitereien, Gewalt, ist hier jeden Tag gegeben. Deshalb müssen wir, wenn wir offen haben, versuchen, die Situation mitzusteuern. Und dies ist, nebst unseren verschiedenen Jobs im Haus, die ebenfalls intensiven Einsatz verlangen, jeder auf seine Weise, eine Daueraufgabe für uns alle.» 

 

 

Rumhängen, kiffen, trinken

 

Im oberen Teil der Anlage haben sich bereits einige jener Jungs breit gemacht, die hier täglich rumhängen und trinken, kiffen, abstürzen, manchmal Streit suchen. Immer wieder müssen sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie dies doch bitte nicht gerade beim Kinderspielplatz oder vor dem Jugi machen sollen. Moresi und das Team kennen sie alle, haben einen gewissen Draht zu ihnen entwickelt und können produktiv mit ihnen kommunizieren. Sie wissen auch, wo die Dealer in der Anlage sind, kennen die Basketballer, die hier trainieren, nicken den muskelbepackten Typen zu, die weiter unten in der Anlage an den Stangen trainieren, begrüssen die Mamas mit ihren Kinderwagen, die aus der Nachbarschaft hierherkommen, die Teenies aus ganz vielen Kulturen und Subkulturen, die sich neben der Dreirosenbrücke versammeln, die Obdachlosen, die Reklamierenden und Unruhestifter...

 

Sie kennen die Anliegen, die Bedürfnisse, Risiken und Gefahren, die das Biotop Dreirosenanlage hervorbringt.

 

Hoppla, jetzt ist gerade ein Tourist über die Treppe vor dem Brückenkopf gestürzt. Er scheint verletzt zu sein. Toni kümmert sich um den Amerikaner und seine Frau, Marc holt den Sanitätskoffer, alle sprechen für einen Moment englisch. Marcos diskutiert mit dem Herrn aus Panama, der gerade seinen Grill aufgestellt hat, schnelles südamerikanisches Spanisch, RiiBistro Koch Tobi hat sich zu den Damen gesellt, die in seiner Küche ihre Spezialitäten zubereiten, sie kommunizieren in der internationalen Sprache des Kochens.

 

 

Unaufhörliche situationsbedingte Einsätze

 

Hinter dem Einfluss, den Moresi, seine Kolleginnen und Kollegen hier haben, steckt eine komplexe Mischung aus Vernetzung mit allen Institutionen, Behörden, informellen Gruppierungen, die Einfluss auf die Geschehnisse in der Anlage haben und unaufhörlichen situationsbedingten Einsätzen.

 

Dies tun sie, um den Boden für ihre eigenen Arbeitsfelder zu bereiten, die es ebenfalls ins sich haben. Das Zentrum im Brückenkopf ist eines der Angebote von JuAr Basel, sie sehr stark genutzt, ja fast überrannt werden. Hoch getaktete professionelle Jugendarbeit, umsichtige Betreuung der bunt gemischten Klientel in der Freizeithalle, Kochen auf hohem Niveau für die Gäste, intensive Betreuung der jungen Arbeitslosen, die hier im Rahmen eines Programms mitarbeiten, Raumvermietungen an multikulturelle Nutzergruppen. So sieht die Arbeit aus, für die das Team hier bezahlt – und die von unseren staatlichen Auftraggebern gemessen wird. Und dies ist an sich schon ein massives Programm.

 

Der tagtägliche Dauereinsatz des Teams für die Anlage, die den Brückenkopf umgibt, wird von allen Beteiligten und involvierten Behörden sehr geschätzt. Von den Leuten, die für unsere Finanzen zuständig sind, gibt es dafür ein freundliches Nicken – aber schliesslich würde das Team die Stimmung, das Klima in der Anlage ja im Eigeninteresse mitsteuern. Und dafür gibt es in Basel-Stadt kein Geld.

www.dreirosen-freizeithalle.ch

 

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