Arbeitsintegration im Brückenkopf: Ein komplexes Aufgabenfeld

Abschied von Nicole Cissé

 

Nach zehn Jahren verlässt uns Nicole Cissé, was wir sehr bedauern. In der Freizeithalle und im RiBibistro war sie während der letzten zehn Jahre für die jungen Erwachsenen verantwortlich, die dort in einem Arbeitsintegrationsprogramm stehen. Sie hatte es dabei mit einer komplexen Aufgabe zu tun, die hohe Professionalität, starke Vernetzung und eine Menge Fingerspitzengefühl fordert. Künftig wird sie beim RAV Liestal als Entwicklungsberaterin wirken. Wir werden sie vermissen – und wünschen ihr alles Gute.

 

 

Von jungen Menschen, die sich nur schwer in den Arbeitsmarkt integrieren können, weiss Nicole Cissé viel zu berichten. Wer ihr dabei zuhört, realisiert schnell, dass dies keinesfalls eine homogene Gruppe ist. Vielmehr geht es hier um Individuen, die mit ganz unterschiedlichen Problemen kämpfen, die auch ganz individuell betreut werden müssen.

 

 

Sozialhilfe kann sie nicht einordnen

 

Diese Betreuung erfordert viel Einfühlungsvermögen, ein hohes Verantwortungsbewusstein – und immer wieder die enge Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Fachstellen und -personen, mit Ämtern zum Beispiel oder mit Stellen aus den Bereichen der Psychologie, Psychiatrie, Medizin. Seit 2009 betreute Nicole Cissé Fälle, die von der Sozialhilfe nicht richtig eingeordnet werden können, als Vertrauensperson. Die Teams der Freizeithalle Dreirosen und des RiiBistro arbeiten im Alltag mit den jungen Leuten aus dem Beschäftigungsprogramm zusammen, Hand in Hand.

 

Die Fäden des Betreuungsnetzes

 

Bei Nicole Cissé aber liefen alle Fäden des Betreuungsnetzes zusammen, jenes Netzes, das diese jungen Arbeitslosen auffangen, sozial und beruflich integrieren soll. Was manchmal gelingt, manchmal nicht. Erfolge und traurige Erlebnisse liegen bei dieser Betreuungsarbeit nahe zusammen. Wer nicht dazu bereit ist, Herzblut in diese Arbeit einfliessen zu lassen, kann sie eigentlich nicht machen. Und Nicole hat es getan, soviel ist klar, Herzblut, Pragmatismus und gesunden Menschenverstand hat sie in ihre Arbeit eingebracht. Als sie damals angefangen hat, war es für sie ein Sprung ins kalte Wasser. Eingestiegen ist die ins Team des RiiBistro. Damals wurde das Coaching im Arbeitsintegrationsprogramm noch von der Organisation «Overall» geleistet, bis sie von JuAr Basel übernommen wurde.

 

Soziale Integration

 

Dann ist Nicole eingesprungen, hat zu ihrer Sozialarbeits-Grundausbildung noch eine Coaching-Ausbildung absolviert, sich später noch – aus eigenem Antrieb – in Sachen Mediation weiterbilden lassen. 2010 hat sie dann losgelegt. Seither hat sie viele Fälle betreut. Und ein Fazit, das sie aus ihrer Arbeit zieht, ist folgendes: «Die psychische Belastung der jungen Menschen hat klar zugenommen.» Tatsächlich kommen Leute mit allen möglichen Herausforderungen in dieses Programm: Aufmerksamkeitsdefizite, Pünktlichkeitsprobleme, Asperger, Probleme mit den Arbeitstempo, psychische Erkrankungen aller Art, Flüchtlingshintergrund, Drogen, prekäre familiäre Situationen. Um sie zu betreuen braucht es ein ganzes Set an Massnahmen, braucht es unzählige Absprachen mit ganz unterschiedlichen Stellen, braucht es Nerven und Geduld. Immer wieder müssen komplexe Abklärungen gemacht werden, mit der Sozialhilfe, der IV, mit Stiftungen. Dafür braucht es laufend Berichte, Auskünfte, Gespräche. Nicole Cissé: «Das erste, was hier geleistet werden muss, ist soziale Integration. In seiner Art ist das Programm im Dreirosen in Basel nämlich einzigartig. Wir simulieren hier keine Projekte, wir arbeiten nicht im luftleeren Raum. Wir machen Arbeitsintegration live, in Betrieben, die im Alltag funktionieren müssen. Zum Glück hat das Projekt eine familiäre Grösse, wo sich alle kennen, sich gegenseitig austauschen und vertrauen.»

 

Private Situation stabilisieren

 

Die ersten drei Monate im Programm sind für alle Neuzugänge eine Kennenlernphase, danach gibt es alle zwei Monate wieder eine Standortbestimmung. Dabei arbeitete Cissé eng mit der Fallbetreuung der Sozialhilfe zusammen: «Wir müssen bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ganz gezielt an ihren unterschiedlichen Defiziten arbeiten. Wir müssen aber in ganz vielen Fällen auch ihre private Lebenssituation stabilisieren. So haben wir beispielsweise Verbindungen aufgebaut, mit deren Hilfe ich jungen Obdachlosen eine Bleibe vermitteln konnte. Natürlich wird das ganze Umfeld der jungen Erwachsenen, wenn vorhanden und einigermassen intakt, in die Betreuung einbezogen.»

 

Hochflexible Massnahme

 

 

Dieses Integrationsprogramm ist ein Joker, wenn es um die Wiedereingliederung junger Menschen geht, die lange nicht in feste Strukturen eingebunden werden können. Eine hochflexible Massnahme, die Fälle betreut, die von staatlichen Stellen nicht mehr betreut werden können. Man kann vor den Teams im Dreirosen und vor Nicole Cissé nur den Hut ziehen. Denn sie leisten einen Job, der immer wieder weit an den Rand dessen geht, was man im Rahmen eines Arbeitspensums verlangen kann. Und manchmal sogar darüber hinaus.