Einige Schlaglichter auf den Alltag der offenen Jugendarbeit

 

 

Als Präsident von JuAr Baselbesuche ich die Angebote unserer Organisation seit vielen Jahren regelmässig. Einige dieser Begegnungen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, jungen Nutzerinnen und Nutzern unserer Angebote fliessen immer wieder in unser JuAr Basel Magazin ein, das jährlich erscheint, das Sie übrigens bei uns bestellen oder auf dem Internet (juarbasel.ch) lesen und betrachten können. Was mich dabei fasziniert, sind die vielen kleinen Geschichten von jungen Menschen, die für mich – jenseits aller Theorien und Fachdiskussionen – die Wirkung der Offenen Jugendarbeit aufzeigen. Zwei dieser Erlebnisse möchte ich hier schildern, diesmal, ohne Namen und Orte zu nennen. Es sind Geschichten, die ideal in die besinnliche Weihnachtszeit passen, Geschichten für Herz und Hirn. 

 

Von Christian Platz, Präsident JuAr Basel

 

 

«Ohne dieses Jugi und die Leute hier wäre ich nichts»

 

Früher Abend, er lehnt an der Bar eines Jugendhauses und trinkt eine Cola Zero, sein Körper ist durchtrainiert, seine Augen wach und stetig suchend, er trägt Camouflage-Hosen und Bomberjacke, seine Strassen-Erfahrung ist ihm anzusehen – und, ja, er könnte unter Umständen auch beängstigend wirken. Aber er gibt sich gerade ganz relaxed. Er hat den ganzen Tag auf der Baustelle gearbeitet, hat vor einigen Monaten seine Berufslehre abgeschlossen, hat nun eine Stelle, eine eigene kleine Wohnung und eine Freundin. Vor einigen Jahren hätten ihm wohl viele eine andere Zukunft prophezeit, eine am äussersten Rand der Gesellschaft, vielleicht sogar im Knast. So sagt er: «Ohne dieses Jugi und die Leute hier wäre ich nichts. Ich habe als Jugendlicher sehr viel Scheisse gebaut, auch mit Gewalt und Drogen. Zusammen mit Kollegen. Meine Eltern lebten daheim in einer anderen Welt, sie sind vor 20 Jahren aus der Türkei in die Schweiz gekommen, haben sich hier ein Leben geschaffen.» Doch wirklich angekommen seien sie nie. Er erzählt von den Werten, die zuhause gegolten haben, die vom Vater streng durchgesetzt wurden – und die so gar nicht zu den Dingen passen wollten, die er und seine Kollegen auf Basels städtischen Strassen und Gassen antrafen. 

 

«Ein ganz besonderer Ort»

 

So lebten sie zwischen zwei Welten, waren wegen erheblicher Sprachschwächen nicht gut in der Schule, fühlten sich ausgeschlossen. Deshalb wurden sie bald physisch stark, trainierten ihre Muskeln hörten Gangster-Rap, dem sie ihre Werte entnahmen, waren alsbald verwickelt in dunkle illegale Geschichten. «Dann haben wir dieses Jugi hier entdeckt. Hier konnten wir chillen, Party machen, hier waren wir in unserer Freizeit immer willkommen. Bald haben wir begriffen, dass die Leute hier uns zuhören, uns ernst nehmen, das war neu für uns.» Dafür mussten sie sich allerdings an Regeln halten und an die kritische Haltung gewöhnen, die ihnen im Jugi manchmal entgegenkam. Dies ist ihnen mit der Zeit immer leichter gefallen, denn die andere Seite der Medaille war, dass ihnen Vertrauen geschenkt und tatkräftige Hilfe zuteil wurde. «Es ist unglaublich», sagt er «wie mir hier geholfen wurde, mit den Hausarbeiten, mit den Bewerbungen für die Lehrstelle, wie ich mit meinen Problemen immer offene Ohren fand und gute Antworten erhielt. Die Leute, die hier arbeiten, haben mich nie hängenlassen. Ich weiss nicht, wo ich heute wäre, wenn es dieses Jugi nicht gäbe. Vielen meiner Kollegen geht es genau gleich. Die Schule konnte uns nie erreichen, die Leute hier haben es geschafft. Für mich ist das ein ganz besonderer Ort, der immer in meinem Herzen bleiben wird.» Er legt seine rechte Hand flach auf seine Brust, über seine Herzgegend und sagt knapp: «Hier.» 

 

«Ich war immer sehr schüchtern»

 

Sie ist 14 Jahre alt. Seit einem Jahr kommt sie regelmässig ins Jugi. Anfangs hat sie sich nicht getraut: «Ich war immer sehr schüchtern, ich hatte nie viele Freundinnen. Meistens sass ich zuhause herum, es ist mir einfach schwer gefallen, Kontakte zu knüpfen, warum, das weiss ich nicht.» Mit ihrer älteren Schwester und ihrer arbeitstätigen Mutter sei sie aufgewachsen, den Vater kennt sie kaum: «Es waren immer nur wir drei. Mein Vater ist für mich wie ein Fremder.» Verträumt sei sie immer gewesen, am besten hätten ihr immer die Harry Potter-Bücher und –Filme gefallen. Gleichzeitig drückt sie sich für ihr Alter sehr gewählt aus und man bekommt sofort den Eindruck, dass sie die Welt um sich herum genau beobachtet. Ob sie sich denn nicht manchmal einsam gefühlt habe? «Doch schon, aber ich dachte, dass das halt einfach so ist.»

 

«Eine neue Welt eröffnet»

 

Ihre Schwester sei es gewesen, die das Jugi zuerst besucht habe. «Sie musste mich lange überreden, bis ich mich getraute, auch hierher zu kommen. Heute muss ich ein bisschen lachen, wenn ich daran denke, weil ich mir ein Leben ohne das Jugi inzwischen nicht mehr vorstellen kann. Ich habe hier viele Leute kennengelernt, kann hier ganz entspannt meine Hausarbeiten machen und Musik hören. Es gefällt mir gut, dass es hier auch Angebote nur für Girls gibt. Dabei können wir einfach ganz anders reden als wenn die Jungs dabei sind, ohne die Jungs können wir auch ohne Hemmungen tanzen üben. Ich bin zwar gerne mit den Jungs zusammen. Aber nicht immer.» Inzwischen arbeitet sie an manchen Nachmittagen an der alkoholfreien Bar des Jugendhauses, für einen kleinen Sackgeldlohn. Heute ist so ein Nachmittag. Und selbstbewusst steht sie dann hinter dem Tresen – und nimmt diese Aufgabe sichtlich ernst. «Das Jugi», sagt sie zum Abschied, «hat mir eine neue Welt eröffnet.»