Prävention als fester Bestandteil der Jugendberatung – ein Zukunftsmodell?

 

Die Jugendberatung von JuAr Basel – ein Angebot, das sehr stark genutzt wird, im letzten Jahr wurden von unseren beiden Beratungsprofis 418 Fälle bearbeitet, viele davon gravierend, einige haarsträubend – arbeitet normalerweise im 1:1-Format, Einzelberatungen sind ihr Geschäft. Nun ist es aber so, dass aus den vielen Fällen, welchen diese Beratungsstelle in den letzten Jahren und Jahrzehnten begegnete, ein ungeheurer Wissensschatz erwachsen ist. Gerade über die häufigen Problemfelder – Verschuldung, Budgetberatung, subsidiäre Leistungen, Auszug aus dem Elternhaus, Stipendien –, wissen unsere Beratenden profund Bescheid, kennen reale Beispiele und erprobte Lösungsansätze. In letzter Zeit konnten sie dieses Wissen vermehrt im Rahmen von – bezahlten – Workshops vermitteln und so präventiv wirken. Ein Modell, dass durchaus Chancen hat, künftig noch zu wachsen.

 

Von Christian Platz, Präsident JuAr Basel

 

 

Wo die Schuldenfalle lauert

 

Frontalunterricht kann in diesem Bereich nicht die Lösung sein. Es bedarf Workshops, bei denen auf die konkreten Fragen, Anliegen, Probleme der Teilnehmenden eingegangen werden kann, im besten Fall in überschaubaren Gruppen, sodass alle von den vermittelten Inhalten profitieren können. Christoph Walter von der Jugendberatung: «Am meisten profitieren Gruppen davon, die gerade in der Lebensphase stecken, in der sie sich vom Elternhaus lösen. Es gibt viele Jugendliche, die während dieses Prozesses in die Schuldenfalle laufen. Es ist essenziell wichtig, dass sie über obligatorische Krankenkassen und Steuern aufgeklärt werden, denn da liegen die Gefahren. Speziell in Härtefällen, wo bereits die Eltern möglicherweise die Rechnungen nicht oder nur unregelmässig bezahlt haben.»  

 

Aus der Praxis

 

Bereits seit vierJahren macht Walter an einem Schulmodul der Basler Schuldenberatung Plusminus mit, in dessen Rahmen alle Schüler*innen und Lernenden des Basler Universitätsspitals und der WBS über genau diese Schuldenproblematiken aufgeklärt werden. Die Jugendberatung von JuAr Basel ist dabei für den Praxisteil zuständig. Und es sei schon erstaunlich, auf wie viel Aufklärungsbedarf unsere Beratungsfachleute dabei stossen. 

 

Mit einer externen Wohngruppe des Waisenhauses

 

Auf ein ideales Setting für ihren Workshop traf unsere Jugendberatung im Rahmen eines Auftrags des Bürgerlichen Waisenhauses. Dabei ging es darum, Jugendliche im Alterdurchschnitt von etwa 17 Jahren, die kurz vor dem Austritt aus einer externen Wohngruppe des Waisenhauses stehen, auf die unmittelbare Zukunft vorzubereiten. Die Gruppe war hochgradig motiviert. Das Ganze war ein Abendkurs, man versammelte sich um den Tisch der Wohngruppe, alle hatten ihre Versicherungspolicen dabei, hatten sich vorbereitet – und es konnte gleich am Tisch auf dem Internet recherchiert werden. So wurden alle Fragen nach einer kurzen Einleitung, bei denen Beispiele aus dem Beratungsalltag zur Sprache kamen, in der Gruppe erörtert. Abschliessend gab es ein Quiz zum eben Gelernten, um zu schauen, wie viel denn nun hängen geblieben war. Für die Jugendberatung war dieser Rahmen ideal, denn solche Formen der Prävention ersparen sehr viele zukünftige Probleme. 

 

Wenn die Materie plötzlich nicht mehr trocken ist

 

Christoph Walter: «So können wir unser Wissen geballt vermitteln, entlang von realen Beispielen und Bedürfnissen. Ich höre immer wieder die Ansicht, dass Konsumschulden das Hauptproblem von Jugendlichen seien. Dem ist allerdings keineswegs so. Schuldenfalle Nummer eins sind die Steuern, gefolgt von der obligatorischen Krankenkasse. Gerade bei diesen Themen ist Prävention sehr wichtig. Wir vermitteln den Jugendlichen, wie sie mit ihren Löhnen ein Budget erstellen können, das ausreicht. Wie viel von meinem Lohn muss ich für Steuern und Krankenkasse auf die Seite legen? Wie gebe ich meine Steuererklärung ab? Wie vermeide ich, dass ich vom Finanzdepartement eingeschätzt werde, denn das verursacht oft genug Probleme? Wo sind die Kostenfallen bei Krankenkassen-Angeboten? Was ist die Grundversicherung? Was sind Zusatzversicherungen? Welche Zusatzversicherungen brauche ich überhaupt? Wie kann ich in ein günstigeres Krankenkassenmodell wechseln? Das sind die Themen, die wir ganz gezielt vermitteln. Wir schauen uns mit den Jugendlichen zusammen Angebote von VersicherungenimInternet an, stellen ihnen vernünftige Preisvergleichsplattformen vor. Wenn die Teilnehmenden im richtigen Alter sind und die Themen realitätsnah aufgearbeitet werden, ist die Materie eben nicht mehr trocken, sondern hochwillkommen.»

 

Direktabzug

 

Bemerkenswert ist übrigens die Tatsache, dass die Jugendlichen, wenn sie mit dem Schweizerischen System der Steuererklärung konfrontiert werden, alle recht erstaunt darüber sind, dass sich das Modell des Direktabzugs der Steuern vom Lohn – ein Hauptinstrument, wenn es um die Verhinderung von Steuerverschuldung geht – hierzulande noch nicht durchgesetzt hat. Christoph Walter: «Sie sind am Ende alle klar für den freiwilligen Direktabzug». Die Jugendberatung von JuAr Basel hat es also demonstriert – wenn das Setting und der Bedarf stimmen, können solche Präventions-Workshops viel bringen. Sie ist jederzeit zu solchen Einsätzen bereit, die zwar ihren Preis haben, schliesslich vermitteln hier ausgebuffte Profis ihre Tipps, aber Verschuldungen Jugendlicher verhindern können, deren gesellschaftlicher Preis am Ende unendlich viel höher ist. 

 

 

 

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