Jugendzentrum Bachgraben Ein Umzug wirft auch Schatten voraus


Das Jugendzentrum Bachgraben von JuAr Basel erlebt seit einiger Zeit einen richtigen Boom. Auf knapp 140 Quadratmetern sind zu den Betriebszeiten manchmal bis zu 80 Jugendliche gleichzeitig im Haus. Dabei ist das gesamte Altersspektrum vertreten, auf das die Offene Jugendarbeit abzielt – und auch so ziemlich das ganze Problemspektrum, das in Jugendhäusern zum Vorschein kommt. Trotzdem ist die Stimmung hier sehr gut, zwischen jüngeren und älteren Nutzer*innen, zwischen Mädchen und Jungs, zwischen unterschiedlichen kulturellen und jugendkulturellen Gruppen. Doch am Horizont steht ein Umzug des Angebots, der zurzeit Sorge bereitet.

Von Christian Platz, Präsident JuAr Basel

Freizeitoase

Im Januar 2021 beginnen die Bauarbeiten zur Erweiterung des Schulhauses. Dann muss die alte Holzbaracke weichen, in dem das Jugendzentrum seit seiner Eröffnung im Jahr 1987 beheimatet ist. Schon lange wünschen wir uns ein grösseres Domizil für dieses Angebot, das seit Jahrzehnten auch für die Integration von – und die Arbeit mit – sehr schwierigen Gruppierungen bekannt ist, ohne darob seine anderen Nutzer*innen zu vernachlässigen. Mancher schwere Gang-Junge, der früher ein Gewaltproblem hatte, hat dank dem Team dieses Hauses heute einen Lehrabschluss in der Tasche und einen Job. Für manches Mädchen mit Migrationshintergrund, das zuhause streng überwacht wird, ist dieses Jugi die einzige erlaubte Freizeitoase. Trotz des Tagesstruktur-Angebots im benachbarten Schulhaus wird die Zahl der Jugendlichen, die das Jugendzentrum Bachgraben nutzt, nicht kleiner – im Gegenteil! Und sie tragen Probleme zum Team, für das sie in ihrem Umfeld keine anderen Ansprechpersonen finden.

Provisorium?

Die neue Bleibe des Angebots wird auf dem Gelände des Schwimmbads Bachgraben sein, also deutlich weiter am Stadtrand als heute, in einem bestehenden Gebäude, das jedoch für die Nutzung als Jugendzentrum um- und ausgebaut werden muss. JuAr Basel ist immer davon ausgegangen, dass dieser Umzug nahtlos erfolgen würde. Nun haben wir aber kurzfristig erfahren, dass das Jugi Bachgraben zwischendurch mindestens für ein Jahr ein Provisorium beziehen muss, das wohl eher kleiner als das jetzige Domizil sein wird. Wo dieses Provisorium stehen wird, wissen wir noch nicht.

Alle die gleichen Rechte

Auf den 140 Quadratmetern, die das Jugendhaus heute zur Verfügung hat, geniesst jede und jeder die gleichen Rechte. So wird der Code dieses Angebots gelebt. Es stehen keine speziellen Räume für Einzelhilfen zur Verfügung, nebst dem Hauptraum gibt es nur ein winziges Büro für das Team, in dem heikle Themen manchmal besprochen werden können. Im Hauptraum zeichnen Nerds, die hier wegen der Manga- und Comiczeichnungs-Workshops Gleichgesinnte getroffen haben, konzentriert und inspiriert, während es nebenan, bei den Deutschrapbegeisterten hoch hergeht, die Jugendredaktion der Basler Jugendapp über ihre Inhalte diskutiert und einige Girls tuschelnd Teenager-Geheimnisse austauschen. Die Gruppen gehen im Haus, trotz ganz unterschiedlicher Interessen pfleglich und höflich miteinander um.

Rollenmodelle

Das Team stellt immer stärker fest, dass die digitale Welt manches junge Leben bis zur Grenze der Selbstisolation dominiert, alle jagen nach «Gefällt-mir-Klicks» auf sozialen Medien. Ihre Vorbilder sind oft nicht mehr Popstars, Filmstars, Sportstars, wie dies noch vor wenigen Jahren der Fall war, sondern «Influencer», die auf den sozialen Medien eine grosse Gefolgschaft haben – und damit auch noch Geld verdienen. So sehen die Rollenmodelle des Moments aus. Der Trend, dass junge Männer, darunter oft Migranten, Gangs bilden, die nach ihrem eigenen Ehrenkodex leben und allerlei illegale Sachen veranstalten, wobei Gewalt dabei die problematischste Überschreitung darstellt, prägte das Quartier rund um dieses Angebot von JuAr Basel. Momentan gibt es keine derartigen Banden mehr, dafür gibt es ein Phänomen namens «Street Kings». Dabei machen lose Gruppierungen per Internet miteinander ab, um sich irgendwo im öffentlichen Raum zu prügeln. Oft sind jene, die das Ganze digital anheizen, bei den Kämpfen gar nicht dabei. Das Team des Hauses hat sich in dieser Sache mit der Polizei und anderen Vernetzungspartner*innen ausgetauscht. Mehrere derartige Kämpfe, die sehr gefährlich werden können, weil die Jungs nicht abschätzen können, welch schwere Verletzungen sehr schnell mal drohen, konnten verhindert werden. Doch der Trend bleibt. Generell kann man sagen, dass schnelllebige Gruppenkonstellationen bei jüngeren Teenagern zurzeit den Normalfall darstellen. Dennoch bleibt die Peer Group natürlich auch für die Jungen ein wichtiges Element der gesellschaftlichen Verankerung – und die Frage «wie verhalte ich mich in der Gruppe?» bleibt zentral.

Psychische Erkrankungen

Sehr stark gefragt ist im Jugendzentrum Bachgraben seit langer Zeit die Einzelhilfe. Hier beobachtet das Team immer mehr psychische Erkrankungen, Depressionen, Panikattacken, Ängste, Burn-Out-Geschichten bei jungen und jüngsten Nutzer*innen. Die dadurch stark geforderten Jugendarbeitenden, die wissen, wohin man solche Fälle vermitteln kann, suchen dann mit den einzelnen Jugendlichen zusammen nach Lösungen. Ein weiteres Thema ist die Berufswahl, als wichtiger Teil der Identitätsfindung: Was liegt mir? Wo liegen meine Stärken? Welche Fähigkeiten habe ich? Oft sind die Jugendlichen gar nicht über die vielen Berufsfelder informiert, viele sagen Dinge wie: «Mein Onkel hat einen Coiffeur-Salon, also will ich auch Coiffeur werden» oder «ich habe eine Cousine, die im Coop an der Kasse arbeitet, das werde ich auch machen». Auch auf diesem Feld klärt das Team auf, überlegt sich mit den Jugendlichen zusammen, wo sie vielleicht schnuppern könnten, bereitet sie auf diese wichtige Entscheidung vor.

Bitte nicht noch kleiner!

Es geht also viel – und viel Verschiedenes in dieser kleinen Baracke. Auf noch kleinerem Raum wäre vieles nicht mehr möglich. Die Verlierer*innen wären dabei die jungen Menschen, für die dieses Jugi eine zweite Heimat geworden ist, zudem ein Ort, an dem sie mit ihren Anliegen ernst genommen werden – und auf seriöse Hilfe zählen können.

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