Die Wandlungskräfte der Zeit


Gefährlich für die Fantasie, verrohend, gerade auch in sprachlicher Hinsicht, verdummend, diese Eigenschaften wurden der Flimmerkiste in der guten Stube von Eltern und Lehrern vor 50 Jahren angehängt. Heutzutage haben fast alle Leute den Bildschirm immerzu dabei, drinnen und im Freien, auch die jungen und jüngsten – und damit Zugriff aus fast alle Inhalte, die je geschaffen wurden. Was soll man dazu sagen? Ein Zeitsprung.


Von Christian Platz


Vor einiger Zeit, nach dem spätherbstlichen Besuch eines Jugendzentrums von JuAr Basel, sind mir die Ängste unserer Mütter in den Sinn gekommen. Als ich, in den frühen 1970er Jahren, im Primarschulalter war, galt etwa der Fernsehapparat als Gift für uns Kinder. Meine Primarlehrerin verachtete «den Kasten» zutiefst, sie liess keine Gelegenheit aus, Seitenhiebe gegen Kinder auszuteilen, von denen sie wusste, dass sie oft vor der Glotze sassen. An einem Morgen sagte sie zu einem Mädchen, sie hatte erzählt, dass ihre Familie zuhause die Fasnacht am Bildschirm verfolgt habe: «Wer den Morgestraich im Finkenkino schaut, hat selber Streich verdient.»


Gefährlich für die Fantasie, verrohend, gerade auch in sprachlicher Hinsicht, verdummend, diese Eigenschaften wurden der Kiste in der guten Stube angehängt. In unserem Quartier gab es damals viele Kinder, deren Eltern kein Fernsehgerät im Haus haben wollten, einige verboten ihren Kindern sogar, bei Freunden in den Bildschirm zu schauen. Unsere älteren Cousins und Cousinen, sie hörten Rockmusik und verbrannten Räucherstäbchen in ihren Zimmern, in denen Che Guevara-Poster an der Wand hingen, waren ebenfalls gegen die Flimmerkiste, aus anderen Gründen allerdings. Am Fernsehen laufe, sagten sie laut und klar, nur spiessiger Mist, Bünzlizeugs. Die Kiste setze Lügen und Halbwahrheiten in die Welt, so ihre feste Überzeugung.


Dick&Doof


Von was reden wir? Von drei deutschsprachigen, einem Welschen und einem Tessiner Kanal, das war die Auswahl. Am frühen Nachmittag lief nichts, das uns Kinder hätte interessieren können. Unsere Zeit kam um 17 Uhr, dann liefen Wiki und die starken Männer oder Dick&Doof (letztere fand unsere Primarlehrerin übrigens besonders schlimm, wegen dem Namen, den das Deutsche Fernsehen für die beiden grossen Künstler Laurel & Hardy ausgesucht hatte) – natürlich hatte sie die Sendung nie gesehen, aber sie regte sich unendlich über das Wort «doof» auf, das in ihren Augen kein richtiges Wort war.


Danach kamen die Nachrichten, dann folgte ein Spielfilm, meistens einer aus den 1950er Jahren, der uns meistens nicht besonders interessierte, wenn wir ihn mit den Eltern anschauen durften. Trotzdem haben wir ihn bis zum Ende geschaut. Es kam ja nichts anderes. Schon nur James Bond wäre in jener Zeit am TV undenkbar gewesen, diese Filme galten als besonders gewalttätig und unmoralisch, der Eintritt im Kino war streng reguliert, ab 16 Jahren (heute sind sie ab 12). Unser Sehnsuchtstermin war der Sonntagabend, dann lief Bonanza, eine gemütliche Western-Serie, kein Blut, viel Familienknatsch, circa ein Schuss pro Folge, natürlich sah man den Einschlag der Patrone in den menschlichen Körper nicht, der heute zum Standardrepertoire gehört.


Ameisenkrimi


Und gegen 22.30 war Schluss mit der Herrlichkeit aus der Röhre, dann lief nur noch der Ameisenkrimi. Es hatte in unserem Quartier damals übrigens auch ein Sexkino, dort liefen keine Pornofilme, sondern jene harmlosen, lachhaften, etwas verklemmten Sexfilme jener Zeit, die man nur etwa 15 Jahre später von den – damals neuen – Privatsendern in die gute Stube geliefert bekam. Für uns Kinder galt die Regel, dass wir die Strassenseite wechseln sollten, wenn wir an diesem verruchten Haus mit den schlimmen Plakaten vorbeikommen. Natürlich drückten wir uns an freien Tagen die Nase am Schaufenster dieses Lichtspielhauses platt, bis wir von einer verantwortungsvollen erwachsenen Person vertrieben wurden (das passierte immer).


Wie behütet wir doch waren


Knapp 50 Jahre ist das alles her. Wie behütet wir doch waren. Man hielt die anrüchigen, abgründigen Seiten des Lebens vor uns Kindern verborgen, manche bis zum 16., andere bis zum 18. Geburtstag. Vielleicht haben wir irgendwo einmal ein so genanntes Sex-Heftli gefunden, es neugierig durchgeblättert, uns ein bisschen gegruselt und danach blöde Sprüche gemacht…

Warum muss ich nach dem Besuch eines Jugendzentrums über solche Dinge nachdenken? Wegen den Wandlungskräften der Zeit.


Gegenüberstellung


In gerade mal fünf Jahrzehnten haben sich unsere Welt und unsere Werte dermassen verwandelt, dass wir – wenn wir mental einmal den harten Schnitt machen, die vielen Zwischenstufen beiseitelassen – nur staunen können. Das Tempo dieser Wandlung hat sich ja bereits seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts enorm erhöht, die Revolution der Maschinen, der Technik, der Industrie, der Informationsverbreitung hat den Wandel vorangetrieben, in einer Geschwindigkeit, die es vorher in der Menschheitsgeschichte nicht gab. Heute ist dieses Tempo schwindelerregend geworden Die Menschen der 1970er Jahren hätten sich die Augen gerieben, wenn sie per Zeitmaschine ins Jahr 2020 transportiert worden wären. Wagen wir also eine kleine Gegenüberstellung.


Fernsehen? Das kann man heute nicht mehr so nennen. Fast alle Leute haben den Bildschirm jetzt immerzu dabei, drinnen und im Freien, auch die jungen und jüngsten. Das Programm, welches jederzeit auf den Handy-Bildschirm gerufen werden kann, besteht aus so ziemlich allen kulturellen, subkulturellen und superkommerziellen Inhalten, die es überhaupt gibt. Man kann über dieses Bildschirmchen Kontakte zu fast allen Leuten auf dieser Welt aufnehmen. Man kann praktisch alle Filme abrufen, alle Musikstücke hören, die jemals produziert wurden. Wenn dir ein Film nicht gefällt, kannst du ihn sofort weg-klicken, du musst nichts mehr ertragen, das dir nicht gefällt oder dich langweilt. Scheinheilig fragt das Maschinchen, bevor es eine Porno-Seite freigibt, ob du schon 18 Jahre alt bist, dann musst du nur auf «yes» klicken, eine weitere Kontrolle gibt es nicht, und die ganze Psychopathia Sexualis erscheint auf dem kleinen Bildschirm. Das Sexkino aus den 1970er Jahren wäre von der Polizei geschlossen worden, wenn es diese Inhalte gezeigt hätte. Gewalt? Kaputtes und dummes Zeug? Zugang nach Lust und Laune, à discrétion, grundsätzlich für alle Altersklassen, ausser, wenn die Eltern sich auskennen und mit technischen Schranken eingreifen – aber es gibt immer noch die anderen Kinder im Umfeld, deren Eltern dies nicht tun (können).


Altersfreigabe


Gleichzeitig haben wir – auf dem Papier – immer noch einen differenzierten Jugendschutz, auf jeder DVD im Warenhaus prangt eine Altersfreigabe, aber die Jugendlichen interessieren sich nicht mehr für DVDs – und natürlich ist Porno immer noch ab 18. Aber was nützen die Bestimmungen? Die digitale Welt ist so schnell explodiert, die rechtlichen Vorgaben existieren nur noch auf dem Papier. Das betrifft ja auch unzählige Kunstschaffende, deren Werke einfach so gratis auf dem Internet zu konsumieren sind, der Urheberschutz ist zu einer Lachnummer geworden. Auch wenn es ein bisschen illegal ist, in der Realität kann man alles herunterladen – und dafür braucht man wenig technisches Wissen. Wir können die Kinder und Jugendlichen fast nicht mehr vor den anrüchigen, abgründigen Seiten des Lebens beschützen. Das Internet macht uns dabei gewiss den einen oder anderen Strich durch die Rechnung. Und wir alle haben das einfach so geschehen lassen. Nun müssen wir mit den geschaffenen Tatsachen leben, im Guten wie im Schlechten. Aber wir Erwachsenen haben eigentlich die Pflicht, uns zu informieren, Inhalte zu bewerten, gegebenenfalls einzuschreiten, wie es unsere Eltern einst getan haben, auch wenn das immer schwieriger und komplexer wird.


An einem Joint kann man nicht sterben...


Als ich etwa 15 Jahre alt war, hat mir ein älterer Kollege einmal gesagt, dass niemand an einem Joint sterben könne. Recht hatte er. Recht behalten hat er nicht. Heute ist, auch in Basel, Marihuana und Hasch im illegalen Handel, das mit chemischen Cannabinoiden versetzt ist, die massive Rauschzustände auslösen, die krank machen und sogar töten können. Wieder ein Produkt des menschlichen Erfindungsgeistes, über das wir einfach keine Kontrolle haben, vor dem nur Vernunft, Urteilsvermögen und Eigenverantwortung schützen können, noch etwas, vor dem wir unsere Kinder und Jugendlichen schützen müssen. Ja, hört denn das nie auf?!


Was das alles wohl mit den Kindern und Jugendlichen macht? Wir können es nur vermuten. Aber wir müssen sie begleiten, nach bestem Wissen und Gewissen, wir sind dazu verpflichtet, ihnen die Welt zu erklären, ihnen Perspektiven zu vermitteln – und ich meine damit nicht berufliche Perspektiven, sondern jene ganz grundsätzlichen, jene, mit denen wir uns in der Welt, im Leben (einigermassen) zurechtfinden können. Dabei spielen natürlich die Eltern die ganz zentrale Rolle. JuAr Basel hilft ihnen dabei, seit 78 Jahren.

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