Jugendarbeit in Kleinüningen vor 30 Jahren: Ein Blick zurück mit Waltraud «Waldi» Waibel


Heute ist sie pensioniert und Vize-Präsidentin im Vorstand von JuAr Basel. Jahrzehntelang hat sie in unserer Organisation, die früher bekanntlich BFA hiess, Jugendarbeit gemacht, Projekte für Jugendliche erfunden, Treffpunkte geleitet. Und dies immer im Kleinbasel. Diesen Herbst konnte JuAr Basel endlich wieder ein Jugendzentrum in Kleinhüningen eröffnen, das «Chillout». Im Januar 1987 hat Waldi in diesem Quartier angefangen, im BFA-Jugendtreff Fischerstübli, dem «Fischi».


Von Christian Platz


Das «Fischi» war im Keller eines Altersheims untergebracht, auf der Höhe der Tiefgarage, es gab dort kein Telefon, kein Büro, keinen Rückzugsbereich. Die Liegenschaft gehörte der Evangelisch-Reformierten Kirche Basel-Stadt. Die Räume hatten keine Fenster – es gab zwei Türen, die eine führte direkt in den Gang der Tiefgarage – und nur eine kleine Lüftungsklappe an der Decke. Wer ins Jugi eintrat, kam zunächst in einen kleinen Vorraum, von dem aus es in eine Toilette ging und auch in den Treffraum, der etwa 25 Quadratmeter umfasste.


Dort standen ein Billardtisch und ein Töggelikasten, die einzige Sitzgelegenheit waren Holzbänke, die der Wand entlang angebracht waren, ein paar Stühle und ein Tisch und an einer Seite eine schmale Theke. Zudem gab es noch eine kleine Küche, in der die beliebten «Fischi-Brötli gemacht wurden, mit Schinken, Gurken und Senf, sie waren bei den Nutzerinnen und Nutzern sehr beliebt. Der Treff war zu Öffnungszeiten oft gerammelt voll. Waldi wirkte als Leiterin des Angebots, gleichzeitig war sie dessen einzige feste Mitarbeiterin, ihr zur Seite stand ein Praktikant: «Mein erster Praktikant, er hiess Claude, war ein grosser junger Mann, der Treffraum war so niedrig, dass er fast den Kopf einziehen musste, sonst hätte er womöglich die Decke gestreift», erzählt Waldi lachend.


«Alle haben geraucht...»


«Heute würde es niemals genehmigt, in diesen Räumlichkeiten ein Jugendzentrum einzurichten. Man muss sich das einmal vorstellen, alle haben geraucht wie verrückt, das war damals ja normal. Die Luft hätte man schneiden können. Aber trotzdem konnten wir dort gute Jugendarbeit leisten, konnten tolle Projekte erfinden, mit den Jungen zusammen, ohne grosse Konzeptarbeit im Voraus», sagt die Jugendarbeiterin. «Natürlich hat es auch manchmal Probleme gegeben. Wenn der Praktikant gerade in der Schule war, hatte ich keinerlei Verstärkung. Ich musste in die öffentliche Telefonkabine, um zu telefonieren und den Treff unbeaufsichtigt lassen. Einmal musste ich im Badhüsli St. Johann anrufen, dem BFA Jugendtreff auf der anderen Seite des Rheins – und die haben mir dann jemanden geschickt.»

Die späten 1980er Jahren waren auch in Basel die Ära der Strassengangs, es gab sie in jedem Quartier, auch in der Innerstadt waren sie präsent, gefürchtet – und ein Lieblingsthema der Medien. Es war eine neue Jugendkultur, die damals geformt wurde (und heute die Welt der Popmusik dominiert), in deren Zentrum Rap, HipHop und Black Music standen. Wie schon die Rock-Musik, mit deren Fans und Exponenten sich die neuen Kids nun nicht mehr identifizieren wollten, was durchaus zu handfesten Konflikten auf der Strasse führte, wurden die Grundlagen dieser Bewegung aus den USA importiert.


«White Angels»


Für Waldi bedeutet dies, dass sie auch Gang-Mitglieder im Haus hatte, die Gruppe nannte sich «White Angels». Ihr Erkennungszeichen waren weisse gestrickte Käppchen, die von Müttern und Grossmamas angefertigt wurden. Ihr Ruf war durch mehrere Medienberichte so schlecht, dass sich das Zürcher-Charter des berühmt-berüchtigten weltweiten Motorrad Clubs «Hell`s Angels» beim damaligen Leiter der BFA-Jugendtreffs meldete, mit ihm das Gespräch suchte (und fand, eine Delegation aus Zürich setzte sich im Badhüsli mit Rolf Hartmann an den Tisch). Sie stiessen sich am Namen der Basler Gang – und befürchteten durch dessen negative Presse eine Rufschädigung.

In diesem Gang-Umfeld gab es allerlei Kämpfe, es waren auch Waffen wie Baseballschläger und Nunchakus im Spiel. Waldi hat immer wieder Konflikt-Situationen erlebt, in denen sie mit Gang-Chefs verhandeln musste, um Kämpfe im Jugendhaus zu verhindern, was ihr stets gelungen ist. Sie berichtet: «Die White Angels bestanden anfangs vielleicht aus 30 Jugendlichen, Jungs und Mädchen, mit der Zeit wuchsen sie auf 50 an. Interessant ist, dass sie drei Chefs hatten, damit sich die unterschiedlichen Nationalitätsgruppen auch vertreten fühlten, aber auch demokratische Regeln entwickelten. So wurden Ausschlüsse von Mitgliedern an einer Vollversammlung der Gang bei uns im Treff verhandelt, dabei konnten sich alle zu Wort melden.»


Als Frauen verkleidet


Überhaupt hätten mit der Zeit immer mehr Mädchen im «Fischi» verkehrt: «Die hatten teilweise ganz schön feministische Mütter, mit denen ich im Kontakt stand – und haben sich bei den Jungs selbstbewusst durchgesetzt. Wir haben in Sachen Gender, wie man heute sagt, lustige Sachen gemacht. Zum Beispiel eine Miss-Wahl, das war ganz verrückt. Und zwar haben die Mädchen und ich selber Frauenkleider in den Treff mitgebracht. Dann wurde die Jungs als Mädchen verkleidet und geschminkt, wir haben ihnen natürlich dabei geholfen und alle hatten grossen Spass an der Sache. Der Schönste wurde dann zur Miss gewählt. Erstaunlicherweise haben besonders die Jungs mit grossem Spass mitgemacht. Auch muss ich sagen, dass sich die damaligen Jugendlichen für allerlei Dinge begeistern liessen, die eigentlich jenseits ihrer Interessen lagen. Einmal sind wir ins Museum gegangen, weil an einer Ausstellung der Videofilm von dieser Misswahl-Aktion gezeigt werden sollte. Alle waren rechtzeitig dort. Und als wir in den Sommerferien einmal einen kostengünstigen Ausflug im Angebot hatten – es handelte sich um eine Busfahrt in den Schwarzwald, eigentlich eine billige Werbefahrt für Senioren – sammelten sich auf der Wiesenbrücke am angesagten Einstiegsplatz, eine ansehnliche Gruppe Jungs und Mädels. Die Seniorinnen und Senioren schauten anfangs etwas befremdlich, aber auf der Fahrt hatten alle viel Spass. Für mich waren diese Jugendlichen wie eine grosse Familie, der Zusammenhalt untereinander war enorm. Wenn es darauf ankam haben alle einander geholfen. Da gab es jenen besonderen sozialen Kitt, der heute immer seltener geworden ist. Wahrscheinlich wegen der vielen digitalen Plattformen, auf denen man zwar viele Freunde findet, aber unverbindlicher, virtuell eben, das ist eine ganz andere Form von Kontakt.»


Während der zwei Jahre, die Waldi im «Fischi» wirkte, wurde von der BFA dringend ein neuer Standort für das Angebot gesucht. Als es dann gelang und eine Villa auf dem Areal der alten Stückfärberei bezogen werden konnte, kurz vor dem Jahrzehnte-Wechsel, taten sich die Jugendlichen schwer damit. Sie hatten sich an die kargen Räumlichkeiten gewöhnt, diese waren ihr zweites Zuhause geworden. Zum Schluss nun ein Zeitsprung um mehr als 30 Jahre. Waldi: «Als ich dann im Herbst 2020 an der Eröffnung des neuen Kleinhüninger Treffs der JuAr Basel teilgenommen habe, kamen einige der Jugendlichen von damals vorbei und haben mich freudig begrüsst. Viele von ihnen haben jetzt selber Kinder, einer, jetzt Vater, hat mich gefragt, ob ich nicht mal mit seinem Sohn reden könne.» So ist das mit der Jugendarbeit, sie geht nie zu Ende.



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