Vorwort – Freizeitarbeit oder soziale Angebote?



Von Christian Platz, Präsident JuAr Basel


In über der Hälfte der Schweizer Kantone gehört die Offene Jugendarbeit offiziell zu den sozialen Angeboten. In Basel wird uns weiterhin nur der Status von Freizeitangeboten zugestanden, wie wir vor kurzer Zeit vernehmen durften, von oberster Stelle. Wirklich stichhaltige Gründe dafür scheint es nicht zu geben, ausser einer überholten traditionellen Sichtweise, die der heutigen Situation einfach nicht mehr gerecht wird.


Das Freizeitverhalten der Jugend


Die Gründer der BFA, der Basler Freizeitaktion, so hiess unsere Organisation von 1942 bis 2012, machten sich tatsächlich Sorgen um das Freizeitverhalten der Jugend. Dabei hatten sie vor allem jenen der Teil der Jugendlichen aus dem Proletariat im Sinn, der nicht bei den Pfadfindern oder bei kirchlichen Organisationen mitmachte. Man wollte diese Kundschaft – letztlich – zu jenem sinnvollen, massvollen, harmlosen Freizeitvergnügen erziehen, das sich die Welt der Erwachsenen damals wünschte. Natürlich schuf man damit auch einen Unterbauch an heimlichen Zonen, in denen das Unausgesprochene wohnen musste, das fröhliche, aber auch monströse Erscheinungen hervorbrachte (selbstverständlich manifestierte sich dieses Phänomen bei den sogenannten Bündischen Organisation ebenfalls, dort lag der Hund einfach noch tiefer begraben).

Anfänglich wurden den Mädchen Webstuben zugestanden, den Jungs Radiobastelkurse, die dann einen ungeplanten – gar unerwünschten – Nebeneffekt hatten, durch die Erweiterung der Frequenzbänder. Letztere brachte nämlich jene neue aufregende Musik aus den USA nach Basel, den Jazz, den Swing, die Anfänge des Rhythm&Blues, später den Rock`n`Roll. Kulturelle Genres, die den «Jugendfreunden», so nannten sich die Leute, damals alles Herren übrigens, die hinter der BFA steckten, überhaupt nicht schmeckten. Denn sie rochen ja schon nach Entgrenzung, Rebellion, Hedonismus.


Rückzugsgefechte


Fortan wurden Rückzugsgefechte gegen diese neuen «Unkulturen» geführt, die immer mit heftigen Auseinandersetzungen begannen – und immerzu mit der Integration der neuen Genres in die hiesige Gesellschaft und in die Jugendarbeit endeten. Es kam dabei allerdings zu Verzögerungen: als die Jugendlichen den Rock`n`Roll entdeckten, wäre es den Leuten von der BFA lieber gewesen, sie hätten sich noch mit Jazz befasst; als die ersten Punk-Rocker auftauchten, lebten und liebten die Jugendhaus-Teams noch in der Hippie- und Freak-Welt; dort fühlten sie sich wohl, die neue und rohe Jugendkultur von der Strasse erschreckte sie, sie taten sich schwer damit, diese neue Aufsässigkeit zu integrieren.

Gewiss wurde auch damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, auf der Höhe der damaligen Zeit, doch die Zeiten, Mentalitäten und Realitäten haben sich im Lauf der Jahrzehnte verändert.


Professionalisiert


Inzwischen ist das nämlich alles ganz anders. Das Metier der Offenen Jugendarbeit hat sich lange schon professionalisiert. Die Jugendarbeitenden wissen heute über neue Trends Bescheid, egal, wie quer sie auf die momentane Erwachsenenwelt gerade wirken. Sie erkennen die Motive, die sozialen Impulse, die dahinterstecken, sie nehmen diese Trends in ihre Arbeit auf, thematisieren sie mit den Jugendlichen, lassen die Kids ihre Vorlieben feiern, behalten und vermitteln gleichzeitig aber auch Distanz und kritische Reflexion.

Und warum hat sich unser Genre derart verändert? Ganz einfach, weil es sonst untergegangen wäre. Der überwiegende Teil der Erwachsenenwelt (zum Glück nicht alle) zur Zeit der Gründung unserer Organisation in den 1940er Jahren war davon überzeugt, dass man den Jugendlichen kein kulturelles Urteil zugestehen könne. Das ist deshalb lustig, weil nur 30 Jahre später die Jugendkultur den gesellschaftlichen Takt angab – und weil heute, nochmals 50 Jahre später, das, was früher Jugendkultur hiess, sich schlicht in der ganzen Gesellschaft auflöst. Jeder neue Trend, der unter jungen Menschen auftaucht, wird von Gesellschaft und Industrie gierig aufgesogen, vermarktet, integriert; ein Kreisel, der sich immer schneller dreht.


Gespräche als Arbeitsmaterial


Was bleibt, was bei der Jugendarbeit immer im Zentrum stand, sind die Gespräche. Die Inhalte, die Jugendliche und Jugendarbeitende offen austauschen, sind das Basismaterial dessen, was wir heute Beziehungsarbeit nennen. Die Inhalte dieser Gespräche haben die Geschichte der modernen Offenen Jugendarbeit geformt. Die Einsicht, dass man die Jugendlichen und die Dinge, die sie beschäftigen, ernst nehmen muss, dass man ihren Einsichten, Wünschen und Lebensrealitäten in der Gesellschaft Raum geben muss, dass man dem Form- und Gestaltungswillen junger Menschen Rechnung tragen und auf ihre Probleme reagieren muss, hat sich am Ende durchgesetzt. Und das ist der heutige Stand.


Auf Augenhöhe


So ist es unserem Genre gelungen, seine Rolle in der Gesellschaft zu verwandeln, aus dem Aufsichtsauftrag der Vergangenheit ist eine Partnerrolle geworden, das Missvertrauensverhältnis ist einem Vertrauensverhältnis gewichen, mit allen Konsequenzen. Denn das streng überwachte Freizeitangebot von damals ist zur gemeinsamen Freizeitgestaltung geworden, auf Augenhöhe, wie man heute gerne sagt – und wir nehmen diese Sprachformel ernst, die ja oft genug heuchlerisch angewandt wird.


Dies führt wiederum dazu, dass die Jugendarbeitenden von ihrer jungen Klientel Dinge erfahren, welche Kids in diesem Alter oft weder in der Schule noch im Elternhaus auf den Tisch legen. Dabei kann es sich um höchst positive Dinge handeln, durchaus können verborgene Talente und Interessen auftauchen, die nach konstruktiver Förderung rufen. Aber es können sich auch erschreckende Abgründe auftun, die sofortiges Handeln verlangen. Die Freizeitarbeit ist vor diesem Hintergrund eben längst zur professionellen Sozialarbeit geworden. Unter den Mitarbeitenden von JuAr Basel gibt es kaum mehr Leute, die nicht bestens geschult, ausgebildet, vernetzt sind. Unsere Mitarbeitenden beherrschen die Kunst des Gesprächs, achten auf Unter- und Zwischentöne, sie wissen genau, wann und wohin sie im Notfall triagieren müssen. Auf dem Feld der Freizeit erntet die Offene Jugendarbeit nämlich die nahrhaften – und die ungeniessbaren – psychosozialen Realitäten unserer Zeit, ungefiltert, wie kaum ein anderes Angebot.


Damit umzugehen, verlangt hohe Kompetenz in – jawohl – sozialer Arbeit. Alle Angebote der Offenen Jugendarbeit in diesem Land haben inzwischen ganz und gar professionelle Standards.


Respektlos


Vor diesem Hintergrund ist es ist kein Zufall, dass wir 2012 die Entscheidung getroffen haben, den Namen Basler Freizeitaktion abzulegen, weil er die Realität unserer Arbeit schon lange nicht mehr abbildete, und uns für die Zukunft den zeitgemässen Namen Jugendarbeit Basel gegeben haben. Denn das machen wir, professionelle Jugendarbeit auf der Höhe unserer Zeit – und das heisst zwingend soziale Arbeit. Deshalb sind die Angebote der JuAr Basel und ihrer Partnerinstitutionen soziale Angebote! Es ist respektlos, sie weiterhin als Freizeitangebote zu bezeichnen – es sei denn, dieses Bestehen auf einer überholten Sprachklammer, die überall drückt wie ein paar schlecht sitzende Wanderschuhe, wäre ein symbolischer Akt, der dazu dient, uns klein und handlich zu halten.

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