Vorwort Sommer-Newsletter JuAr Basel 06/2021



Noch fühlt sich die neue Freiheit fragil an


Von Christian Platz, Präsident JuAr Basel


Natürlich haben die Kinder und Jugendlichen während den Lockdown-Phasen vieles vermisst, genauso wie wir Erwachsenen auch. Doch wenn man jung ist, vergeht die Zeit anders, deutlich langsamer. Vor allem, wenn sich das lange Warten breit macht, dann dehnen sich die Stunden, Tage, Wochen – und schon tritt die Langeweile auf den Plan, die Gedanken bewegen sich in Schlaufen, der Unmut wächst. Jugend will vorwärts gehen, dieser Drang ist universell, der Lockdown hat genau dies verunmöglicht. Und es gab nur wenige Ventile für den Frust, viele davon waren halt im digitalen Raum angesiedelt, der ja während dem Lockdown Fluch und Segen zugleich bedeutete. Segen, weil er Arbeitsflächen bietet, die etwa Home-Office und Heimschulung ermöglichen, Fluch, weil er zum Abgrund werden kann, zu einer ultra-niederschwelligen – letztlich gewissenlosen und kalten – Unterhaltungsmaschine, die Zeit frisst, Aufmerksamkeit fesselt und immer wieder neue Reize bietet, bis viele nicht mehr abschalten können. Da leidet die Konzentrationsfähigkeit und die konstruierten Narrative aus der Computerwelt drohen manchmal, die Wahrnehmung der Realität zu übersteuern.


Auch die Offene Jugendarbeit musste den digitalen Raum natürlich nutzen, um Kontakte aufrecht zu erhalten, Projekte anzureissen, Diskussionen zu fördern, Hilfe zu leisten, zu beraten. Aber auch um wichtige Themen, die beim Internet-Konsum der Jugendlichen sonst nicht im Zentrum stehen, im digitalen Theater unserer Zeit so aufzubereiten, dass sie interessant sind für die Zielgruppe, oft waren diese Projekte gemeinsam mit Jugendlichen konzipiert. Das Modell Offene Jugendarbeit funktioniert im virtuellen Raum schon, sogar mit partizipativen und jugendkulturellen Elementen garniert, aber das hat seine Grenzen. Und diese haben die Lockdown-Massnahmen hart aufgezeigt. Gerade in Basel-Stadt, wo die Angebote der Offenen Jugendarbeit um einiges länger geschlossen bleiben mussten als in anderen Kantonen.


Die Jugendarbeitenden unserer Zeit wissen um die Verlockungen und um die Gefahren der digitalen Zone, sie wissen um die essenzielle Wichtigkeit realer Erfahrungen und Erlebnisse, um die Notwendigkeit eines (zumindest) Gleichgewichts zwischen realer und virtueller Welt. Gleichzeitig können sich viele von ihnen zum Glück selber stabil im virtuellen Raum bewegen, denn nur so sind sie dazu in der Lage, den Jugendlichen auch dort mit Rat und Tat, bei spassigen Angelegenheiten und bei Problemen, beiseite stehen. Nun sind die Angebote von JuAr Basel grösstenteils wieder geöffnet, viele Aktivitäten können wieder stattfinden. Doch fühlt sich diese neue Freiheit noch fragil an, einige Jugendhäuser erleben Grossandrang, andere eher eine Flaute. Warum das so ist, wissen wir noch nicht genau, aber die Situation kann sich schnell wieder ändern oder verschieben. Hoffen wir zumindest, dass die Sommerferienzeit uns alle ein bisschen aus dem digitalen Nimmerland reisst – hinein in den Strom des Lebens.

Aktuelle Einträge